Herdengebrauchshunde

 

Herdengebrauchshunde

 

Als erstes eine Begriffsbestimmung, da diese beiden Ausdrücke oft verwechselt werden:

 

Hütehunde sind die Hunde, die an der Herde arbeiten. Sie können die Schafe

( auch Rinder, Schweine, Ziegen oder Gänse) in die vom Hirten gewünschte Richtung

lenken, können das Vieh zusammentreiben und zusammen halten und vor allem

können sie verhindern, dass Schaden an angrenzenden Äckern oder Wiesen

angerichtet wird, indem die Hütehunde die Grenzen wehren wie ein lebendiger Zaun.

 

Hirtenhunde sind große wehrhafte Hunde (z.B. Pyränäen-Berghund oder

türkischer Kangal). Sie laufen und leben mitten in der Viehherde als Teil dieser

und haben die Aufgabe, ihre Herde vor vier- und auch zweibeinigen Räubern zu

beschützen. Der Einsatz solcher Hunde wird auch in Deutschland wieder

vonnöten sein in den Gegenden, in denen der Wolf und der Bär einwandert.

 

Die Hütehunderassen:

 

Unser Deutscher Schäferhund wurde vor 110 Jahren aus verschiedenen Schlägen

des Altdeutschen Hütehundes herausgezüchtet. Der Altdeutsche Hütehund ist auch

heute noch der verbreitetste Hütehund bei den Schäfern. Dei Arbeitsgemeinschaft

Altdeutscher Hütehunde kümmert sich seit ca. 15 Jahren um den Erhalt dieser vom

VDH nicht anerkannten Rasse, versucht die Zucht zu lenken und somit den

altdeutschen vorm Aussterben zu bewahren.

 

Über die verschiedenen Schläge des Altdeutschen informiert man sich am

besten auf der Homepage der AAH.

 

Die Arbeitsweise des Deutschen Schäferhundes und der Altdeutschen Hütehunde ist identisch.

 

Die Collierassen ( Border und Bearded Collie ) unterscheiden sich durch ihre

Arbeitsweise fundamental von unseren Hütehundrassen. Dies liegt an der Struktur

der Schafhaltung in Schottland und England. Bei uns finden die Collies Verwendung

in Koppelschafhaltungen, wo ihre Hauptaufgabe das Sammeln und Umtreiben des

Weideviehs ist und nicht das Wehren der Grenzen.

 

Zwei interessante Bücher zu diesen Hunden sind erschienen im Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart:

 

1. Ausbildung von Hütehunden von Hans Chifflard und Herbert Sehner

2. Hirten- und Hütehunde von Karl-Hermann Finger

 

Was können die Herdengebrauchshundlinien des Deutschen Schäferhundes

in die Zucht einbringen?

 

Dies ist kein kynologischer Fachaufsatz, sondern es sind schlichtweg Beobachtungen

und Gedanken zum DSH, die uns nach 30-jähriger Tätigkeit mit Herdengebrauchshunden

und nach nahezu 15-jähriger Zugehörigkeit zur "SV-Szene" präsent sind.

 

Schon in der Anfangszeit der planmäßigen Zucht des DSH mussten für die sprunghaft

gestiegene Hundepopulation neue Tätigkeitsfelder gefunden werden, um die Hunde

auszubilden und sinnvoll zu beschäftigen. Aus dem ländlichen HGH wurden Polizeihunde, Spürhunde, Militärhunde, Blindenführhunde, sogar Jagdbegleithunde und der

Deutsche Schäferhund als Sporthund.

 

Mittlerweile, nach nun über 110 Jahren Rassehundezucht, läuft die Zuchtauswahl fast

nur noch über den Hundesport, also SchH I-III + Körung, ein verschwindend geringer

Teil über die Herdengebrauchshundprüfung - HGH und Körung.

 

Der Diensthundebereich und der daran angelehnte (Schutz-) Hundesport konnten auf

sehr viele Fähigkeiten der Herdengebrauchshunde aufbauen, so das Wehren, den Verteidigungstrieb, das Revieren, das Stellen usw.. Jedoch - und das ist jetzt der

entscheidende Unterschied - in radikal verkürzten Frequenzen.

 

Einige Beispiele:

 

Der HGH wehrt kontinuierlich eine Ackergrenze über 2,3 und mehrere Stunden,

auch übers Eck. - Der Sporthund muss eine Ausdauerprüfung über 20 km am Fahrrad

absolvieren und darf alle 5 km Pause machen.

 

Der HGH arbeitet selbständig oft 400 - 500 m vom Hundeführer entfernt. -

Der Sporthund ist evtl. beim Überfall am Helfer 100 m von seinem Hundeführer

entfernt, wird aber nach der Kampfhandlung und dem Aus relativ schnell von

seinem Hundeführer "erlöst".

 

Der HGH steht am Eck oder an der Brücke und hunderte sehr lebendiger Schafe laufen

um ihn herum. Das kann bis zu 5 Minuten dauern. - Der Sporthund wird vom

Hundeführer "trocken abgestellt" und nach kürzester Zeit wieder abgeholt.

 

Der HGH hat seine Augen bei den Schafen, ab und zu sucht er Blickkontakt zum

Hundeführer, etwa wenn er unsicher ist oder in seinem Tun bestätigt sein möchte. -

Der Sporthund soll besonders in der Unterordnung ständig Blickkontakt zum HF

halten, je mehr er guckt umso mehr Punkte erhält die Übung.

 

Der HGH soll selber erkennen, wo die Herde den meisten Druck aufs Nachbargrundstück

verursacht, soll sich selbständig dahin bewegen und diese Gefahr wehren. -

Der Sporthund darf nur in die vom HF angezeigte Richtung revieren.

 

Der HGH, der mit seinem Schäfer zu einem Leistungshüten geht, sieht dort erst beim

Start das neue, fremde Gelände und andere Schafe, die anders auf ihn reagieren als

seine daheim. - Der Sporthund, der mit seinem HF zu einer Prüfung auf einen fremden

Platz geht, bekommt diesen in der Regel vorab schon mal gezeigt und Probe gearbeitet.

 

Man sieht, die Gegensätze, die wir hier aufgezeigt haben, sind schon fundamental.

Inwieweit dies nun in vielen Hundegenerationen in der Genetik verankert wurde,

mögen Fachleute beurteilen. Unsere Beobachtungen jedenfalls sprechen dafür!

 

Die Arbeit, die ein Hütehund verrichten muss, kann nur erfolgreich sein, wenn der Hund

ein hohes Maß an Selbständigkeit und Selbstbewusstein aufweist. Ein starkes

Nervenkostüm, Unbedarftheit (Sozialverträglichkeit) ist wichtig und viel Ausdauer

und Lauffreude für lange Arbeitstage.

 

Um den Deutschen Schäferhund als "besten Gebrauchshund" der Welt zu erhalten

sollte die Zuchtauswahl wieder auf mehr Säulen gestellt werden - unter unbedingter

Beibehaltung der Körung.

 

Zuchtzulassung auch mit Rettungshundeprüfung oder Agility ab einer bestimmten

Stufe, oder was ist noch denkbar? Therapiehund vielleicht? Und diese

unterschiedlichen Richtungen müssten in der Zucht natürlich auch vermischt werden.

 

Am Schluss noch eine Anmerkung zu dem komischen! Thema

Hochzucht <-> Leistungszucht:

 

Jeder HGH, der erfolgreich und ausdauernd eine Schafherde hütet ist ein

Leistungshund - egal aus welchem Lager die Elterntiere stammen.

 

Und - wer zieht eigentlich wo die Grenze zwischen Leistung und Hochzucht???